Schloss verfällt trotz neuen Eigentümers

Einst prächtiges Altwigshagener Herrenhaus heute in desolatem Zustand -
Türme und Zinnen 1955 entfernt

Rosemarie Voigt kümmert sich seit Jahren um die Chronik des Ortes "Achtung Einsturzgefahr, Betreten verboten" - das Altwigshagener Schloss empfängt Besucher heutzutage nicht gerade freundlich. Sein Verfall schmerzt viele Einheimische, ganz besonders Rosemarie Voigt. "Ich bin 1948 im Schloss geboren, deshalb liegt es mir am Herzen", sagt die Altwigshagenerin, die seit Jahren an der Chronik des Dorfes arbeitet. Ihr Großvater sei Gärtner auf dem Gut gewesen, auch ihre Mutter ging später "in Stellung", wie es damals hieß.
Geschichtlich ist Altwigshagen eng verbunden mit dem Adelsgeschlecht von Borcke. Doch bevor die von Borckes sich dort niederließen, hatten wie so oft die Schwerins ihre Hände im Spiel. Altwigshagen ist ein "uraltes Schwerin'sches Lehn" und ",unzweifelhaft in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts von Oldag gegründet... worden" - so steht es in der "Geschichte des Geschlechts von Schwerin". Und die erwähnt auch das erste Herrschaftshaus: "Es stand dort ein ansehnliches altes Schloss (castrum) mit Graben, Wällen und Thürmen, von welchem aus die Schwerine ihre Streifzüge unternahmen und besonders auch ihre Händel mit Anclam 1382 und 1386 führten. Zu Ende des 15. Jahrhunderts aber, als der Landfriede Platz griff, gerieth es in Verfall."
Der Verfall schritt so weit fort, dass lange Zeit nur ein Turm als Überrest erhalten war, den man um 1866 sprengte - wahrscheinlich um Platz für ein neues Schloss zu machen. Inzwischen hatte eine jüngere Schwerin'sche Linie die ältere in Altwigshagen abgelöst - durch Erbteilungen,Verkäufe und Vergleiche. 1658 tauschte General Bogislav von Schwerin den Altwigshagener Besitz gegen Güter in Hinterpopirnern mit dem königlich-schwedischen Hofgerichtspräsidenten Georg Friedrich von Borcke.

Weihnachten im Schloss

In der Chronik findet sich diese alte Aufnahme des Schlosses. Heute ist die Vorderfront hinter Bäumen und Sträuchern kaum zu sehen, früher kam man eine gepflegte Auffahrt mit Blumenrabatten herauf. Ein richtiges Denkmal in der Reihe der von Borckes hat sich im 19. Jahrhundert Hugo Lonis August gesetzt, der 1866 das neue Schloss "in den Formen der englischen Tudorgotik" errichten ließ, wie es in der Ortschronik nachzulesen ist. Der letzte Gutsbesitzer in Altwigshagen war Bernhard Otto Ernst von Borcke mit seiner Frau Gertrud - eine geborene von Schwerin. Einmal im Jahr zur Weihnachtsfeier waren die Angestellten und Gutsarbeiter ins Schloss eingeladen. Dort wurden Krippenspiele vorgeführt, Weihnachtslieder gesungen und kleine Geschenke verteilt, heißt es in der Chronik. Die Küche und das Personal seien in den Kellergewölben untergebracht gewesen.Vor dem Schloss wuchs eine Koniferen-Hecke, "die so dicht war, dass man auf ihr herumhopsen konnte", hat Rosemarie Voigt notiert. Vor dieser Hecke habe ein Sockel mit einer Schale gestanden - ein schwedisches Taufbecken.
"Durch Inflation und einige Missernten ging das Gut Altwigshagen 1928 fast pleite", schreibt sie in der Chronik. 1932 setzte die Treuhand Karl-Heinz Graentz als Verwalter ein. Er verhinderte nicht nur die Liquidation, sondern machte aus dem Gut wieder einen florierenden Betrieb. Er war sehr beliebt bei den Leuten und heiratete die Tochter der von Borckes, Anna Elisabeth. Die letzten Adligen im Schloss waren Bernhard und Gertrud von Borcke (hinten), vorne ihre einzige Tochter Anna Elisabeth und ihr Mann Karl-Heinz Graentz Mit dem Einmarsch der russischen Armee 1945 war die adlige Zeit auch in Altwiphagen vorbei. "Das Schloss sollte abgerissen werden, man wollte die Vergangenheit auslöschen. Aber damals wohnten wegen der Flüchtlinge 16 Familien im Schloss. Anderen Platz gab es nicht, also blieb es stehen und war bis 1995 bewohnt", erzählt Rosemarie Voigt. Das Taufbecken vorm Schloss allerdings wurde 1945 zerstört, zehn Jahre später entfernte man als weitere Symbole der Herrschaftlichkeit die Türme und Zinnen. Neben Wohnungen beherbergte das Schloss zu DDR-Zeiten noch das Gemeindebüro, den Kindergarten, die Gemeindeschwesternstation, ein Schulzimmer und zeitweise das Standesamt
Seit das alte Gemäuer, das der Gemeinde gehörte, 1995 leer gezogen wurde, verfiel es immer stärker. Lange stand es zum Verkauf. Im Dezember 2002 fand das in sehr schlechtem Zustand befindliche Anwesen bei einer Auktion der Norddeutschen Grundstücksauktionen AG in Rostock für 8000 Euro (Minddestgebot waren 2000 Euro) einen neuen Besitzer.